REDE ANLÄSSLICH DER FEIERLICHEN ERÖFFNUNG DES ISLAMISCHEN ZENTRUMS IN STUTTGART

Hamza Subasic,
imam IG Stuttgart

Stuttgart,21.Rağab 1436.h. /10.05.2015.

Lob sei Allah, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, der uns an diesem gesegneten Tag versammelt hat, um von der Freude des Zusammenseins und der Verbundenheit im Glauben Zeugnis abzulegen. Um ferner die Freude über die gottgläubigen Gefühle, von Mensch zu Mensch, zu bezeugen sowie die Freude über die Wirklichkeit des Islam, des Zusammenlebens, des Gedankenaustauschs und des wechselseitigen Verstehens.
Segen und Friede seien mit Muhammad a.s., dem Siegel der Gesandten Allahs, dessen treue Überbringung des Lichts des Islam, unsere Herzen miteinander verbindet und unsere Seelen auf dieser Welt erfreut.
Sehr geehrter Abgesandter des Rais-ul-Ulama, Mr. Nusret ef. Abdibegović,
sehr geehrte Vertreter des Mašihat, sehr geehrte Bürgermeister Dr Martin Schairer, Vorsteher, Abgeordnete und Verwaltungsmitglieder der Stadt Stuttgart, sehr geehrte Angehörige des diplomatischen Chors Bosnien-Herzegowinas in der Bundesrepublik Deutschland, sehr geehrte Repräsentanten der Kirchen und kirchlichen Vereinigungen, sehr geehrte Gäste, Brüder und Schwester.

Herzlichen Dank an Sie alle, weil Sie mit ihrer Anwesenheit diesen besonderen Tag im Werdegang unserer Islamischen Gemeinschaft in Stuttgart schmücken und auszeichnen.
All das, was Sie in unseren Gesichtern heute erkennen, ist die Liebe der muslimischen Gläubigen zu ihrem Glauben, zum Islam, zur eigenen Spiritualität, Tradition, Kultur und Identität, solidem Handeln und nicht zuletzt zu guter Nachbarschaft; Dies ist der Verdienst der Frauen und Männer unserer Gemeinde, aber auch der Verdienst all unserer Freunde, Fürsprecher und guten Menschen, denen es jeden Tag aufs Neue gelingt, Stuttgart und Baden-Württemberg zu einem glücklichen und angesehenen Raum des Lebens, Wirkens und Seins zu machen.

Gotteshäuser sind Oasen des seelischen Friedens, Orte der Zuneigung und ergebenen Treue gegenüber dem Schöpfer der Welt und des Universums; So ist auch unsere Moschee ein Haus Gottes, in dem, gleich den Worten des ehrenhaften Qur’an, die Menschen zu aller vorderst „wetteifern im Guten“.

Es macht uns glücklich, wenn der Islam und die Muslime als Teil des deutschen und europäischen Selbstverständnisses verstanden werden, in gleicher Weise wie alle großen kulturellen Traditionen, gebildet im Schoße der christlichen Identität sowie in alle anderen religiös-planetaren Wesenszügen ebenfalls Teil unseres europäisch-muslimischen Selbstverständnisses und Gedächtnisses sind. Inser Islam ruft nachdrücklich zum Frieden, Verständnis, Zusammenleben, Respekt gegenüber anderen und Andersdenkenden auf…

Jedermann ist einmal von irgendwo zugewandert. Die Geschichte unserer gemeinsamen Welt ist eine unendliche Vernetzung gelebter kleiner und großer Geschichten über unaufhörliche Wanderungen, Kommen und Gehen. Viele der Angehörigen der Islamischen Gemeinschaft in Stuttgart, ob auf der Suche nach ehrlicher Arbeit oder als Opfer und Vertriebene von Gewalt, Krieg, ethnischer Säuberung, des Genozids auf dem Balkan oder in anderen Teilen der Welt, haben in der Kraft und der offenen Gesellschaft Deutschlands die Güte des Geschicks erkannt, in ihrer Zeit und ihrem Leben, als Söhne und Töchter Adems/Adams und Havvas/Evas, auf dieser Welt Glück zu finden und sich zu verwirklichen in ihrer wichtigsten irdischen Aufgabe: „dem Wetteifern im Guten“.

Und wahrlich, gute Taten sind von Dauer. Königin Katharina in der Geschichte Stuttgarts, Gazi Husrevbeg in der Geschichte Sarajewos sind gute Beispiele dafür.
Als Geistlicher, als Vorsteher und Leiter dieser Gemeinschaft, als Imam, besinne ich mich meiner Wurzeln und meiner Abstammung aus einem Land, dass in seiner bewegten Geschichte stets Toleranz im Miteinander der Religionen, Kulturen und Traditionen gepflegt hat. Die europäische Zivilisation wurde 1992 in Bosnien angegriffen. Viele Muslime Bosniens, Bosniaken und andere Ethnien des Balkan fanden Rettung in Deutschland und anderen europäischen Staaten.

Die aktuelle Lage vieler Länder, die als islamisch bezeichnet werden, zeigt eindrücklich, dass nur ein freier Mensch zugleich ein vorbildlicher Gläubiger sein kann, wie auch nur ein Gläubiger, der vorbildlich ist, die eigene Freiheit und die Freiheit seiner Mitmenschen achten kann.
Unser Dasein und unsere Liebe zur eigenen islamischen Tradition bezeugen wir nun mit der feierlichen Eröffnung unserer Moschee und dem Bau des Minaretts. Für Muslime bedeutet das Minarett ein geistiges Sichzurechtfinden in Raum, wie auch der Ezan, der Gebetsruf, eine Orientierung in Zeit ist.
Muslimische Minaretts ähneln Schreibstiften, deren Schrift sich im Himmel und im Universum wiederspiegelt. Dieses Minarett verpflichtet uns Muslime Stuttgarts zusätzlich, für die Mitte, in der wir leben, die hiesige kulturelle Tradition und den erreichten demokratischen Freiheiten einzustehen. Dieses Minarett wäre nicht Wirklichkeit geworden, ohne das Bewusstsein der Muslime von und über sich selbst und ohne dem Verständnis der gewählten Repräsentanten und Bediensteten der Stadt Stuttgart und der deutschen Behörden, wenn es um die Frage konkreter Bedürfnisse der Muslime in diesem Teil Europas geht.

Den Bewohnern Stuttgarts gleich, sind auch meine Landsleute eine Bevölkerung der Gewässer. Die Bosniaken haben ihre Siedlungen am liebsten an Flüssen, Wasserquellen und Seen gegründet, wo das Wasser unmittelbar die konstante Schöpfung Gottes auf der Erde bekundet. So haben auch wir in unserem Hof ein Šadrvan, ein Wasser-Pavillon, errichtet. Das ist unsere lebendige Verbindung zu unserer Wohnstätte. Der Gedanke an Wasser soll im Dienste der Belebung gesunder, vitaler und für die Allgemeinheit nützlicher Ideen sein.

Moscheen sind Orte, durchflutet von Licht. Muslimische Gelehrte haben in diesem Sinn eine monumentale Philosophie begründet. Licht ermöglicht dem Menschen ein Gleichgewicht im Raum, in dem er lebt. Ohne Gleichgewicht im Menschen, in der Natur, in der Gesellschaft, der Kommunikation zwischen Menschen und Ideen gibt es auch kein normales und gesundes Dasein.
Im Islam wird deshalb ein großer Wert auf ausgesuchte Plätze in der Moschee gelegt; Dies sind der Mihrab, die Gebetsnische, (von der manch ein islamische Denker als einem Durchleuchten der gläubigen Seele spricht), dem Minbar und dem Kyurs, den Kanzeln, von wo die Wahrheiten Gottes über die Welt und das Leben entdeckt werden…Diese Moschee haben wir als Licht, Wegweiser, freundschaftliche Hilfe und Freude über das Erleben des Glaubens gestaltet. Wir danken Allah, dass Er unsere Gemeindemitglieder, Freunde, Fürsprecher und Stifter des Baus zu diesem edlen Werk bewegt hat!
Im Studium mehrerer literarischer Werke sind mir die letzten Worte des großen deutschen und europäischen Dichters Goethe begegnet, die besagen: „Mehr Licht, und mehr Licht!“. An Goethe sind auch folgende Worte gebunden: „Wenn Islam Gott ergeben heißt, in Islam leben und sterben wir alle.“

Ich wünsche herzlichst noch mehr Licht in den Seelen von uns allen, noch mehr Licht für Sie alle, die Sie mit ihrer Anwesenheit die Islamische Gemeinschaft Stuttgart beehrt haben!

Ich schließe meine Rede mit den Worten des ehrbaren Qur’an:
„Sprich: O ihr Leute des Buches, kommt her zu einem zwischen uns und euch gleich angenommenen Wort: dass wir Gott allein dienen und Ihm nichts beigesellen, und dass wir nicht einander zu Herren nehmen neben Gott.“ (Ali Imran, 64).

Und mit den Worten des Evangeliums nach Lukas:
„Freuet euch mit mir.“ (Lukas 15: 6,9) Vielen Dank!

Hamza Subašić, Imam IG Stuttgart.

 
 

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